Linke Irrwege – worum gehts?

„Indem aber einerseits dem bloßen Eigentümer des Kapitals, dem Geldkapitalisten der fungierende Kapitalist gegenübertritt und mit der Entwicklung des Kredits dies Geldkapital selbst einen gesellschaftlichen Charakter annimmt, in Banken konzentriert und von diesen, nicht mehr von seinem unmittelbaren Eigentümern ausgeliehen wird;
indem andererseits aber der bloße Dirgent, der das Kapital unter keinerlei Titel besitzt, weder leihweise noch sonst wie, alle realen Funktionen versieht, die dem fungierenden Kapitalisten als solchem zukommen, bleibt nur der Funktionär und verschwindet der Kapitalist als überflüssige Person aus dem Produktionsprozess.“
K. Marx, Kapital, Band 3, S. 401 MEW

Es gibt wohl nur wenige theoretische Konzepte, die sich über ihren historischen Geltungsbereich hinaus derart hartnäckig in der Linken, auch der radikalen Linken, gehalten haben wie das Marxsche Klassenkampfparadigma. Nich nur für traditionsmarxistische, marxistisch-leninistische, sowie antiimperialistische Gruppierungen fungiert der Klassenkampf als Kern jeglicher „Kritik“ am Kapitalismus, unter den alle weiteren Erscheinungen des warenproduzierenden Systems subsumiert werden.

Aus dieser Sistierung der Marxschen Formkritik an Arbeit, Staat, Ware, Geld, Kapital und Politik resultiert jedoch notwendigerweise ein reduktionistisches Verständnis von Kapitalismus, das sich zum Beispiel in einer falschen Auffassung des Ideologiebegriffes widerspiegelt, wodurch nicht zuletzt eine konsequente Ideologiekritik für genannte Gruppen schlicht etwas vollkommen Unbegriffenes bleibt: Erscheint genannten Gruppen (und beileibe nicht nur diesen) Ideologie lediglich als ein „taktisches“ Manöver, dass die Kapitalistenklasse in die Welt setzt, um die ProletarierInnen von dem „eigentlichen“ Problem, eben dem Kampf der Arbeiterklasse, abzulenken.

Allerdings scheint der identitäre Fokus auf die Arbeiterklasse als „revolutionäres Subjekt“ nicht nur hinsichtlich der ideologiekritischen Verkürzungen problematisch, sondern auch angesichts ihrer realen Wirkmächtigkeit mehr als zweifelhaft zu sein: Unter welche Katgeorie sind FabrikarbeiterInnen zu subsumieren, die ihren Arbeitslohn in Aktien investieren (ein wohl nicht seltenes Phänomen im Zuge des Hypes der „New economy“)? Findet hier nicht eine seltsame Synthese zwischen „ArbeiterIn“ und „KapitalistIn“ statt? Sind ManagerInnen als „Charaktermasken“ (Marx) des Kapitals nicht formell auch ProletarierInnen, besitzen sie doch keine Produktionsmittel und werden stattdessen für ihre Arbeit entlohnt? Was bedeutet die zitierte Passage von Marx vor diesem Hintergund, wenn er von einem „Verschwinden des Kapitalisten aus dem Produktionsprozess“ spricht?

Die Vortragsreihe „Linke Irrwege“ versteht sich als Beitrag gegen den ideologiekritischen Reduktionismus vor allem antiimperialistischer und marxistisch-leninistischer Couleur, um auf seine wunde Stelle aufmerksam zu machen, nämlich die Ausbildung nationalistischer und antisemitischer Ideologien in diesen linken Gruppierungen selbst: Als Beitrag sowohl gegen den Staatskapitalismus zur Zeiten der Sowjetunion als auch gegen die ideologischen, nicht selten antisemitischen Unkenrufe in aktuellen Auseinandersetzungen.