Vortragsreihe des AK Linke Irrwege

Der Arbeitskreis „Linke Irrwege“ präsentiert Anfang bis Mitte Juli in Tübingen eine dreiteilige Vortragsreihe, die sich kritisch mit linken Gretchenfragen um Staat/Nation, Klasse, realsozialistischer Ökonomie und Antiimperialismus befassen wird.
Zusätzlich wird es noch Texte und Literaturtipps zu diesen und verwandten Themen geben. Und wer meint Kronstadt sei Schnee von Gestern vergisst dass dieser Schnee rotgefärbt ist.

Bisherige Veranstaltungen:


03.07.2011, Epplehaus Tübingen, 19 Uhr
Thema: „Nationalismus in der DDR: Vom proletarischen Internationalismus zur sozialistischen Nation“
Referent: Lucius Teidelbaum

Wie internationalistisch konnte eigentlich die DDR als quasi „sozialistischer Staat deutscher Nation“, sein? Dieser Frage soll im Rahmen einen Vortrages zum Nationalismus in der DDR nachgegangen werden.
Bei der Betrachtung der Geschichte des „anderen Deutschland“ soll auch auf die Vorgeschichte des Vorläufers der SED-Staatspartei, die KPD, und hier insbesondere auf ihren zeitweiligen Rechtskurs (Schlageter-Politik, Scheringer-Kurs) eingegangen werden.
Dabei soll gezeigt werden, dass die DDR, bzw. ihre Funktionsträger*innen, wie die KPD in der Weimarer Republik immer wieder die nationale Karte spielte.
Von dem Subjekt „Arbeiterklasse“ wandte man sich in der DDR immer mehr dem Subjekt „Deutsches Volk“ zu. Der Appell ans Nationale erschien offensichtlich erfolgversprechender bei der Agitation der vom Nationalsozialismus geprägten Massen. Über einen deutschen Wiedervereinigungs-Nationalismus sollte die deutsche Bevölkerungsmehrheit für einen gesamtdeutschen sozialistischen Staat gewonnen werden. In den 1970ern setzte dann der Versuch ein eigenes nationales Erbe zu konstruieren.
Ebenfalls soll in dem Vortrag kritisch auf den antifaschistischen Selbstanspruch der DDR, Antisemitismus & Antizionismus und Antiamerikanismus eingegangen werden.

08.07.2011, Epplehaus Tübingen, 19 Uhr
Thema: „Wir woll‘n doch nur wie die Deutsche Bank sein. Veranstaltung zu Begriff, Sache und Unwesen der Klasse“
Referent: JustIn Monday aus Hamburg

Ganz im Gegensatz zur Arbeit hat der Begriff der Klasse schon seit längerem keinen besonders guten Leumund mehr. Vom Lob, mit dem die bürgerliche Klasse im Kommunistischen Manifest überschüttet wurde, hat sich diese bis heute nicht erholt. In ihm wurde die gesellschaftliche
Objektivität, die sie vertritt, als fortschrittlich gewürdigt, um im gleichen Schritt als überholt bezeichnet zu werden. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass sie mit wehenden Fahnen Abstand genommen hat von der Idee, Herrschaft könnte nicht nur autoritär, sondern auch zivil in
den Formen gesellschaftlicher Vermittlung ausgeübt werden.
Auf der Gegenseite sieht es kaum anders aus. Der immer wieder herbeigesehnte Klassenstandpunkt trägt seit langem den Makel, dass die Notwendigkeit des Umsturzes, die sich in einer antagonistischen Vorstellung vom Klassenverhältnis anmeldet, sich immanent nicht einmal
logisch erschließt, solange der zu beziehende Standpunkt widerspruchsfrei derjenige der Arbeit sein soll. Seit fast einem Jahrhundert würgt die marxistische Forschung nun schon an dem von Lukacs explizit gemachten Problem, dass das Proletariat Subjekt und Objekt der Geschichte zugleich sein müsste, um der ihm zugedachten Rolle gerecht zu werden. Tatsächlich aber hat es sich in der Realität als Subjekt permanent negiert, und ist so als Objekt reaktionär geworden. So wurden seine politischen Institutionen kompatibel mit den autoritären Formen der Herrschaft.
Dass heute all diese Probleme jene, die zum „Arbeiterkampftag“ unter dem Motto „Klasse gegen Klasse“ mobilisieren, nicht einmal mehr jucken, ist bezeichnend. Sie suhlen sich in heroischen und pathetischen Gesten und inszenieren sich als Träger einer Macht, die schon lange im Autoritären
Staat aufgehoben wurde. Ihr Proletariat ist, wie schon das der K-Gruppen in den 1970er-Jahren, jenes Zerrbild gesellschaftlicher Subjektivität, das die Bourgeoisie einmal vor sich selbst erschrecken ließ. Ihren zumeist männlichen Vertretern dürfte der nur noch durch Ikonographie hergestellte historische Bezug kaum einem anderen Zweck dienen als dem der Verklärung jener Zeit, als die Jungs der 8a noch was gegen die der 9b hatten.
Derartige üble Nachrede auf die Arbeiterbewegung zum Anlass zu nehmen, den Begriff der Klasse als zentrale Kategorie aufzugeben, wäre vorschnell. Gleiches gilt für das Gerede von SoziologInnen und Anverwandten, die positivistisch von Fahrstuhleffekten, Milieus und Mittelschichtszwiebeln reden, bloß um sich um die Frage herum zu rechnen, in welcher Beziehung das Privateigentum an Produktionsmitteln zur bestehenden gesellschaftlichen Form des Reichtums steht.
Warum gerade deswegen aber auch jenseits dieser Entwicklungen kaum etwas vom Begriff der Klasse geblieben ist, gilt es zu ergründen. Ausgangspunkt der Überlegungen soll Adornos Text „Reflexionen zur Klassentheorie“ sein. Dieser sah sich bereits 1942 genötigt, „den Begriff der Klasse selber so nah zu betrachten, dass er festgehalten wird und verändert zugleich“. Mit der Frage, wie es hierzu kam, was also der Anlass zu jener Reflexion der Klassentheorie war, sollen der Inhalt des Texts und die Bedeutung jener marxschen Kategorien erschlossen werden, die seinen Rahmen bilden.
Wie weit die damalige Diagnose trug, ist erschreckend. Inzwischen sind aber all die dort beschriebenen Tendenzen, die den Klassencharakter der Gesellschaft zum Verschwinden brachten, selbst Geschichte, und die Institutionen, die zur Verewigung dieser Geschichte beitragen sollten, im Mittelpunkt der aktuellen Krise und somit prekär. Dass dies zur Wiederbelebung der Klasse beigetragen wird, kann nur denken, wer ihr vorheriges Verschwinden nicht begreifen möchte.

18.07.2011, Epplehaus Tübingen, 19 Uhr
Thema: „Antiimperialismus und Ideologie: Zur Geschichte des Imperialismus, seinem Wandel im globalen Zeitalter und seiner anachronistischen Auffassung seitens der deutschen Linken“
Referent: Daniel Späth

Spätestens seit dem 11. September ereilte die deutsche Linke geradezu schicksalhaft eine Spaltung in zwei Lager: Während antiimperialistische Gruppierungen eine anti-westliche Rhetorik mit der Solidarisierung diverser nationaler „Befreiungsbewegungen“ verbinden und auf diese Weise zu den bizarresten Gruppierungen einen affirmativen Bezug aufzubauen sich bemüßigt fühlen – genannt sei hier als Spitze des Eisbergs die Hamas als das neue „revolutionäre Subjekt“ vieler Antiimperialisten –, hat das antideutsche Bewusstsein im Zuge der Krise des westlichen Kapitalismus die militante Apologetik des männlich-weißen westlichen Subjekts wiederentdeckt, wofür nicht zuletzt die Redaktion der Bahamas ein trauriges Zeugnis liefert.
Trotz aller Fehden und Befeindungen zwischen den beiden Lagern können man und frau nicht umhin festzustellen, dass diese scheinbar entgegengesetzten Pole der linken Auseinandersetzungen mit einem identischen Bezugssystem operieren und beide Strömungen gleichermaßen den globalen Imperialismus nicht kritisch auf den Begriff bringen können: Nämlich seine Zerfallserscheinungen als ebenso reflexhafte wie erfolglose Reaktion der westlichen Mächte auf die Krise des globalen Kapitalismus und die seinem Boden entsprungenen Barbarisierungsregimes. Um eine radikale Kritik des globalen Kapitalismus auf der Höhe der Zeit zu formulieren, wird der Vortrag im ersten Teil einen historischen Durchgang durch den Kolonialismus und seiner Legitimation (Kant), die Haltung der westlichen Arbeiterbewegung (Lassalle) sowie des Staatskapitalismus (Lenin) zum Imperialismus versuchen, wobei sich herauskristallisieren wird, dass weder der sozialdemokratische „Reformismus“ noch die „orthodoxen Marxisten“ des Ostens an die Tiefendimension der Marxschen Fetischkritik auch nur ansatzweise herankamen (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel).
Vor dem Hintergund der durch die kritischen Analysen des Kantischen, Lassalleschen und Leninschen Verständnisses von Kapitalismus gewonnenen Einsichten wird der zweite Teil des Vortrags den globalen Imperialismus und seine „Weltordnungskriege“ (Robert Kurz) als ebenso destruktive wie unbegriffene Reaktionsformen der westlichen Welt auf die Krise des Kapitals explizieren und im Zuge dieser Erörterungen sich kritisch sowohl mit antiimperialistischen wie auch antideutschen Positionen zu dieser Frage auseinandersetzen.


1 Antwort auf „Vortragsreihe des AK Linke Irrwege“


  1. 1 Zur Kritik des Antiimperialismus « Audioarchiv Pingback am 13. Dezember 2011 um 22:57 Uhr
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