Die Unschuld der deutschen Arbeiterklasse: Ein Rückfall hinter mehrere Jahrzehnte Geschichtsforschung

In Teilen der radikalen Linken ist die Dimitroff-These, wonach der Nationalsozialismus vor allem die „offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals” sei, leider bis heute virulent. Sie wurde häufig neu ausformuliert, die beiden Grundaussagen aber bleiben dieselben:
1. Hauptverantwortliche für die zwölf Jahre Nationalsozialismus waren Teile des Finanzkapitals.
2. Daraus ergibt sich die relative Unschuld der einfachen deutschen Bevölkerung, insbesondere der Arbeiterschaft, die ja nur einem perfiden Trick im Klassenkampf von oben zum Opfer gefallen sei. Daraus wiederum ergibt ergibt sich dann auch, dass das – je nach Präferenz bevorzugte – Subjekt „Proletariat“ oder „deutsches Volk“ unbeschädigt sei.

Auch die „Marxistische Aktion Tübingen“ bezieht sich offensichtlich positiv auf die Dimitroff-These. In einer mit von der „Marxistischen Aktion Tübingen“ herausgegebenen Zeitung zum 1. Mai 2011 heißt es in einem Infokasten zum Thema „Faschismus“:

Der Begriff wird seither verwendet, um eine besondere bürgerliche und imperialistische Herrschaftsform zu bezeichnen. Der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff nannte 1935 den Faschismus an der Macht die „offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, der am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“ Die Ausrichtung der faschistischen Diktatur ist besonders reaktionär und konterrevolutionär, ihr zunächst gewichtigstes Ziel war stets die Vernichtung der (revolutionären) ArbeiterInnenbewegung, d.h. insbesondere der kommunistischen und sozialistischen Organisationen. […]

Und in dem MAT-Papier »GOOD BYE, LENIN!« VOM »ABBRUCHUNTERNEHMEN DER LINKEN« INS RECHTE LAGER: EINE KRITIK »ANTIDEUTSCHER« IDEOLOGIE UND PRAXIS.“ heißt es auf Seite 19 etwas zurückhaltender:

Wenn angebliche Linke jegliche materialistische Analyse der Bedingungen des Faschismus aufgegeben haben und ihr „Antifaschismus“ nur noch darin besteht, rhetorische Scheingefechte gegen metaphysische Konstrukte wie „das deutsche Volk“ zu führen, reproduzieren sie damit nicht nur das alte autoritäre Geschichtsbild, das propagiert, dass „die Nation“ eine soziale und ideologische Einheit sei, sondern vertuschen, indem sie alle Deutschen gleichermaßen für die Herrschaft des Faschismus in Deutschland verantwortlich machen, die Rolle der Großkonzerne, des Kapitals und des Bürgertums als Steigbügelhalter der deutschen Faschisten. Die Ideologie der „Antideutschen“ unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von den apologetischen Ausführungen bürgerlicher Historiker.

Hier ist man einer überaus blödsinnigen Art und Weise des Dekonstruktivismus zum Opfer gefallen. Natürlich handelt es sich beim „deutschen Volk“ um ein metaphysisches Konstrukt, das durch keinerlei objektive Kriterien bestimmbar ist. Aber wenn genügend Leute an dieses Konstrukt glauben, entfaltet es auch eine tatsächliche und ungeheure Wirkungsmacht, d.h. durch den Willen der Masse in der Bevölkerung des deutschen Staatsgebietes entsteht tatsächlich eine Art „Volk“, eine Willens-Nation, die aber nur durch die tagtäglich wiederholte Bejahung existiert. Man kann also jederzeit aussteigen, seine pro-nationalistischen Prägungen durch die Gesellschaft ablegen und einen antinationalen Standpunkt annehmen. Zwar lebt man dann immer noch in einem Staat, der einem ungefragt seit der Geburt bzw. Einbürgerung die Staatsbürgerschaft angehängt hat, aber man ist kein*e Deutsche*er mehr.
Ähnliches wie für die Nation gilt auch für das Geschlecht, das einerseits stark konstruiert ist und andererseits zur Lebensrealität der derart Sozialisierten wird. In gewissem Sinne gibt es also natürlich Geschlechter, weil viele Menschen in diesem Sinne sozialisiert wurden und sich entsprechend verhalten.
Wenn in Deutschland geborene und/oder sozialisierte antinational eingestellte Linke Deutschland und „die Deutschen“ verunglimpfen, entweihen und anfeinden ist das ein notwendiger Beitrag zur Dekonstruktion und Entrationalisierung des deutschen Nationalismus. Eine radikale Linke muss gegen das Konstrukt „deutsche Nation“ und dessen Anhänger*innen kämpfen, um letztendlich den Platz zu schaffen für die „Assoziation der freien Individuen“ (Marx).

Es war vor allem das Bürgertum, das den Krieg jubelnd begrüßte, während Millionen von Arbeiter_innen in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern gegen den Krieg demonstrierten. Und es war vor allem das deutsche Bürgertum, das den November 1918 als vernichtende Niederlage empfand, während große Teile der Arbeiter_innenschaft die militärische Niederlage des Kaiserreichs als entscheidende Bedingung für die Befreiung empfanden und eben deshalb für die soziale Revolution kämpften. Fest und andere bürgerliche Historiker schreiben Geschichte aus der Perspektive des Bürgertums, setzen dieses Bürgertum mit der Nation gleich und definieren Arbeiter_innenklasse und Arbeiter_innenbewegung aus der Nation hinaus. (Seite 19)

Zu den tagtäglichen Bejahern der Nation gehört in Deutschland spätestens seit Ende 1914, Anfang 1915 mehrheitlich auch die deutsche Arbeiterklasse. Zwar gab es bei Kriegsausbruch 1914 noch starke Vorbehalte von Seiten der Arbeiterschicht gegen den von der SPD-Führung mitgetragenen „Burgfrieden“ (nationales Zusammenstehen gegen den Feind von außen), aber in den späteren Wahlen erlangte die (Mehrheits)SPD innerhalb der Arbeiterschaft immer eine (Stimmen-)Mehrheit. Nur eine Minderheit orientierte sich an den Kriegsgegner*innen um Rosa Luxemburg und den übrigen Vertretern eines proletarischen Internationalismus.

Zur Rolle der deutschen Arbeiterklasse beim Aufstieg und während der Herrschaft des Nationalsozialismus
Wenn die MAT „die Rolle der Großkonzerne, des Kapitals und des Bürgertums als Steigbügelhalter der deutschen Faschisten“ betont, hat sie nicht gänzlich Unrecht. Tatsächlich hat ein Teil der Industrie, vor allem die Schwer- und Rüstungsindustrie, die NSDAP maßgeblich finanziert, das deutschnationale Bürgertum hat sie überproportional gewählt und die deutschnationale Clique um den greisen Hindenburg hat die Machtbeteiligung der NSDAP vorangetrieben. Also ja, der Nationalsozialismus ist tatsächlicher mit Hilfe von „Großkonzerne[n], des Kapitals und des Bürgertums als Steigbügelhalter“ an die Macht gekommen, aber – um mal bei diesem Bild zu bleiben – für einen Steigbügel braucht es auch ein Pferd und dieses Pferd bestand aus großen Teilen der Bevölkerung, darunter auch Millionen Arbeiter*innen.
Die NSDAP wurde von Teilen der Industrie nur deswegen gefördert, weil sie bereits eine erfolgreiche Massenbewegung war. Die Finanzierung der NSDAP allein erklärt noch nicht ihren Erfolg, er schafft nur eine Voraussetzung für ihren Erfolg und dieser Erfolg war eine notwendige Voraussetzung für die Machtbeteiligung.

Die MAT schreibt den (Wahl-)Erfolg vor allem dem Bürgertum zu:

Bei den letzten freien Wahlen im November 1932 wurde Hitler keineswegs von „großen Teilen des deutschen Volks gerufen“ (so der bürgerliche Historiker Philipp W. Fabry), sondern nur von einer Minderheit von 33,1 Prozent gewählt, und auch diese stammten nicht schlicht aus „dem deutschen Volk“, sondern hauptsächlich aus den Mittelschichten. Die Bildung der Regierung Hitlers schließlich wurde im Haus des Bankiers von Schroeder vorbereitet, der vor der US-Anklagebehörde 1945 über die Machtstellung der Banken im deutschen Faschismus sagte, die Großbanken seien „fast eine zweite Regierung“ gewesen. (Seite 20)

Natürlich wählte das (protestantische) Bürgertum überproportional die NSDAP und verschaffte ihr damit einen „Mittelstandsbauch“, aber auch in den zwei anderen großen „Sozialmilieus“, dem der Katholik*innen und dem der Arbeiter*innen gelangen der NSDAP nach und nach Einbrüche, so schreibt der Historiker Peter Borowsky:

Von den im Saldo knapp 17 Millionen neuen Stimmen der NSDAP nach 1928 kamen nach Schätzungen von Falter/Hänisch gut 2,5 Millionen aus dem sozialistischen Lager, 7,4 Millionen aus dem bürgerlich-protestantischen Lager, und 6 Millionen waren frühere Nichtwähler. [1]

Die großen Stimmgewinne der NSDAP im bürgerlich-protestantischen Lager werden in der Literatur häufig als Gewinne bei den proletarisierten Mittelschichten interpretiert, deren Wählerschichten dieselben waren wie die der (liberalen) Mittelschichtsparteien. Daher wird die NSDAP manchmal auch als eine Art „extremistische Bewegung der Mitte“ verstanden. Doch die Stimmgewinne der NSDAP kamen aus allen Lagern, vor allem gegen Ende der Republik. In der Wahl-Forschung wird die NSDAP daher oft als erste Volkspartei eingeschätzt. Falter sieht in ihr die erste moderne Volkspartei in Deutschland und nennt sie eine „Volkspartei mit Mittelstandsbauch“ [2].

Das sozialistische Arbeitermilieu war zwar politisch links, aber nicht konsequent antifaschistisch, besonders aus inkonsistenten Linken wurden häufig überzeugte Nationalsozialisten. Interessant wäre auch, einmal nachzuprüfen inwiefern sich durch eine Sozialisation in bestimmten Teilen des Arbeitermilieus ein autoritärer Charakter herausbildet.
Einer Analogisierung von Kommunist*innen und Nazis bzw. von KPD und NSDAP verbietet sich aber. Die KPD war inhaltlich anders positioniert als die NSDAP, wenn auch mit fortschreitender Stalinisierung der Partei mit stark autoritärer Tendenz. Das KPD-Wähler- und Sympathisanten-Milieu stand der NSDAP am entferntesten gegenüber, wie die geringen Wechselwähler-Bewegungen zeigen. Die gerne vorgenommene Gleichsetzung der Gegner der Republik „von links und von rechts“ ignoriert die grundsätzlich verschiedenen Inhalte und Ziele von KPD und NSDAP und die historischen Fakten. Trotz der häufig autoritär gewordenen Struktur liegt dem Kommunismus eine menschenfreundliche Ideologie (Rettung der Menschheit als Ziel) zu Grunde, während der Faschismus und besonders seine nationalsozialistische Sonderform von vornherein eine menschenfeindliche Ideologie (Sieg der „Arier“ im „Rassenkampf“ als Ziel) darstellen. Der Rechtsextremismus-Experte Richard Stöss schreibt hierzu:

Dass sich faschistische und sozialistische bzw. kommunistische Bewegungen hinsichtlich ihrer Ziele gleichen, kann mit guten Argumenten bezweifelt werden. Dazu wurde angemerkt, dass es sich beim Faschismus im Kern um eine antidemokratische, beim Sozialismus dagegen um eine antikapitalistische Doktrin handele […]. [3]

Neben diesem grundsätzlichen inhaltlichen Unterschied wurde die Weimarer Demokratie auch nicht von ihren Gegnern „von links und von rechts“ beseitigt. Wolfgang Wipperman schreibt dazu:

Fast das Gegenteil ist richtig. Die von den Eliten in Wirtschaft und Gesellschaft kaum und wenn, dann nur notgedrungen akzeptierte Demokratie von Weimar ist von oben und eben aus der Mitte der Gesellschaft bekämpft und schließlich beseitigt worden. […] Die faschistische Diktatur Hitlers schließlich kam durch ein Bündnis von Konservativen und Faschisten und eben nicht von Faschisten und Kommunisten zustande. [4]

Was die organisierte Arbeiterbewegung angeht, so stand sie die meiste Zeit den Nationalsozialisten ablehnend bis feindlich gegenüber. Das sagt aber noch nichts über das Verhalten der Mitglieder der Arbeiterschicht aus, da nur eine Minderheit der Arbeiterklasse fest in die Organisationen der Arbeiterbewegung integriert waren. Die in der Geschichtsschreibung des orthodoxen Parteikommunismus und im Realsozialismus häufig zu findende Behauptung von der durchgehenden Resistenz und Renitenz von Arbeiter*innen gegenüber der NSDAP ist ein Mythos. So bestanden größere Teile der NSDAP-Mitgliederschaft, insbesondere auch der SA, aus Arbeitern. Der Arbeiter-Anteil betrug unter den neu eintretenden NSDAP-Mitgliedern zwischen 1925 und 1930 rund 40% und zwischen 1930 und 1933 rund 36%. Unter den SA-Mitgliedern lag er zwischen 1929 und 1933 bei über 60%! Heimarbeiter waren übrigens allgemein NSDAP-anfälliger.
Zuletzt jedenfalls waren fast 1/3 der Naziwähler und Nazimitglieder Arbeiter*innen, vor allem konservative, protestantische Arbeiter.

Intermezzo: Der instrumentalisierende Umgang mit der Arbeiterklasse
Auffällig bei der Durchschau von Texten der traditionellen Klassenkampf-Theoretiker*innen ist ihr instrumentalisierender Umgang mit dem eigenen Subjekt. Dieses Subjekt unterliegt nämlich je nach Bedarf einem geheimnisvollen Wachsen und Schrumpfen und einem ebenso geheimnisvollen Wechsel von Fremdbestimmung und Autonomie.

Geht es darum Mehrheiten anzusprechen ist heute fast jede*r Mitglied der Arbeiterklasse bzw. Proletariat. Hier wird eine Definition angewandt, wonach jede*r der/die tagtäglich seine Haut zu Markte tragen muss, ein*e Arbeiter*in ist. Hier kommt der Ursprung des Begriffes „Proletarier“ zum Vorschein. Die „proles“ waren nämlich im alten Rom besitzlose Personen, die täglich arbeiten mussten, um zu überleben. In der Moderne heißt das Lohnsklaven oderv Lohnabhängige. In diese Definition fallen dann große Teile der Mittelschicht, die zwar teilweise über Rücklagen verfügen (Haus, Aktien etc.), aber im Grunde trotzdem malochen gehen müssen, u.a. weil ihre Besitztümer oft stark belastet sind.
Geht es nun in der historischen Rückschau um die Arbeiterklasse, so verengt sich bei den traditionellen Klassenkampf-Theoretiker*innen dieser Begriff wieder sehr stark. Wenn es in der Rückschau um die Frage von Schuld und Sühne geht, ist plötzlich wieder nur die Arbeiterklasse im soziokulturellen Sinn gemeint, weil diese (vermeintlich) unbelastet war. Einmal abgesehen davon, dass sich die Sicht häufig noch auf männlich-weiße Angehörige der Industrie-Arbeiterschaft verengt, ignoriert dieser Blickwinkel, dass große Teile der bürgerlichen Mittelschicht proletarisiert waren und ihre Lebenssituation der der Arbeiterschicht stark ähnelte.

Ein ähnlich instrumenteller Umgang findet sich bei dem Verhalten der Arbeiterklasse. Machte die Arbeiterschicht in ihrer Geschichte in den Augen der Klassenkampf-Theoretiker*innen etwas richtig so war es ihr eigener Verdienst, machte sie etwas falsch, so waren es immer die anderen. Genau diese Einstellung findet sich auch im Bezug auf die Rolle der deutschen Arbeiterklasse im „Dritten Reich“. Allerhöchstens sei sie zum Mitmachen verführt worden. Diese Bewertung entmündigt aber die einzelnen Mitglieder der deutschen Arbeiterklasse. Sie haben sich nun mal in der Mehrheit zu einer Beteiligung unterschiedlichen Grades an der NS-Volksgemeinschaft entschieden. Dass es – natürlich bei hohem Risiko – auch anders ging, zeigt eben jene Minderheit von Aufrechten, die sich verweigerte und Widerstand leistete.
Generell scheint die deutsche Arbeiterklasse übrigens auch zum Aufstand gegen einen überlegenen Gegner fähig zu sein. Am 17. Juni 1953 stand sie wegen Arbeitszeitverlängerungen und Lebensmittelpreiserhöhungen auf gegen eine überlegene Besatzungsmacht (die Sowjetunion hatte etwa 500.000 Soldat*innen in der DDR stationiert). Fragt sich nur, warum während der zwölf Jahre NS-Herrschaft – bis auf den Fall Mössingen – es keine Minute lang zu einer Erhebung der deutschen Arbeiterklasse kam. Diese Frage stellten sich übrigens auch viele deutsche Flüchtlinge im Exil.

Klasse Mampf statt Klassenkampf? Die deutsche Arbeiterklasse und das „Dritte Reich“
Auch wenn Arbeiter*innen einen unterproportionalen Anteil am (Wahl-)Erfolg der Nationalsozialisten hatten und die Skepsis gegenüber dem Nationalsozialismus bis 1933 überwog, so integrierten sie sich bis 1935 mehrheitlich in die NS-Volksgemeinschaft.

Das hatte nicht nur mit der Zerschlagung der Interessenvertretungen der Arbeiterschaft, der organisierten Arbeiterbewegung, zu tun. Wobei beachtet werden muss, dass die KPD bereits vor 1933 staatliche Repression erfuhr und der SPD-nahe „Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund“ sich anfangs versuchte sogar mit den neuen Machthabern zu einigen. Die gemeinsame Organisation der Mai-Feierlichkeiten nutzte dem ADGB aber nichts, am nächsten Morgen wurden seine Büros gestürmt.

Ein gutes Beispiel für die mehrheitliche Integration der Arbeiterschaft bzw. die Ausstrahlungskraft des Nationalsozialismus auf die deutsch(sprachig)e Arbeiterklasse ist die Saar-Abstimmung.
Unter relativ freien Bedingungen konnte hier noch eine politische Auseinandersetzung stattfinden. Bei der Volksabstimmung am 13. Januar 1935 sollten die Saarländer entscheiden, ob sie „Heim ins Reich“, also den Anschluss an eine Diktatur, wollten, oder vorerst autonom, demokratisch und selbstverwaltet unter französischer Hoheit.
Die linken Parteien, die im Saarland ja noch existierten, kämpften vehement für eine Beibehaltung des Status quo des Saargebietes. Trotz aller Anstrengung von KPD und SPD im Saarland stimmten 1935 schließlich 90,73 Prozent der Wähler*innen für eine Vereinigung mit Nazi-Deutschland. In einer freien Abstimmung entschied sich also die saarländische Wählerschaft, darunter auch die meisten Arbeiter*innen (das Saarland ist eine traditionelle Bergbauregion) mit überwältigender Mehrheit für den Nationalsozialismus. Das geschah entgegen den Wünschen der organisierten Arbeiter*innen-Bewegung (KPD, SPD etc.), obwohl man gleichzeitig gut beobachten konnte wie die Nationalsozialisten seit 1933 mit Gegner*innen und missliebigen Minderheiten im Reich verfuhren.

War die Arbeiterschicht auch im „Dritten Reich“ eine benachteiligte Schicht, so gab es durchaus auch materielle Angebote jenseits der nationalistischen Eingemeindung in die Volksgemeinschaft, die ihre Integration erleichterte.
Peter Fritzsche schreibt in seinem Buch „Wie aus Deutschen Nazis wurden“:

Die Arbeiter litten als Klasse, aber der einzelne, der die Bedingungen einer (zum Krieg entschlossenen) leistungsorientierten Verbrauchergesellschaft akzeptierte, konnte davon ausgehen, daß sich das für ihn auszahlte. [5]

So profitierte auch die Arbeiterklasse vom NS-Wohlfahrtsstaat. Allein im Jahr 1938 nahmen 54 Millionen Deutsche in irgendeiner Weise an einer KDF-Freizeitaktivität teil. Offenbar haben auch Teile der deutschen Arbeiterklasse ihre politische Überzeugung für eine Kreuzfahrt geopfert. Beim Verkauf von „arisierten“ (von Juden und Jüdinnen zwangsenteigneten) Besitztümern beteiligten sich im Rheinland bis zu 90% der Bevölkerung.
Diese Beispiele illustrieren deutlich den Charakter des nationalsozialistischen Regimes als mehrheitsfähige Zustimmungsdiktatur.

Offenbar war auch der Arbeiterschaft ihre deutsche Identität und ihr materielles Wohlergehen wichtiger als eine Bekämpfung des Nationalsozialismus oder der Herrschenden. Bereits vor 1933 konnte die NSDAP Teile der Arbeiterschaft und der proletarisierten Mittelschichten an sich binden. Nicht ohne Grund führten die Nazis den Reichstagswahlkampf Juli 1932 unter dem Schlagwort „Arbeit und Brot“. Klasse Mampf statt Klassenkampf eben.

Dass auch im „Dritten Reich“ die Arbeiterschaft innerhalb der deutschen Gesellschaft (nicht aber im Nazi-okkupierten Europa, wo auch normale deutsche Arbeiter*innen Herrenmenschen waren und sich entsprechend aufführten) objektiv eher Verlierer der herrschenden Zustände waren, kann sie schlechterdings entschuldigen. Mitgemacht haben und mitgelaufen sind auch sie in der Mehrheit und im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten. Wie auch andere Beispiele zeigen, kann eine Gruppe objektiv Verlierer des Kapitalismus und trotzdem seine subjektiven Anhänger, Unterstützer und Verteidiger sein.
Vergleichbares stellten feministische Historikerinnen bereits in den 1980er Jahren für die Rolle der deutschen, nichtjüdischen Frauen im Männerstaat „Drittes Reich“ und im Männerbund Nationalsozialismus fest. Die massive Benachteiligung von Frauen (stärker als für männliche Mitglieder der Arbeiterklasse) verhinderte nicht ihre starke Beteiligung am NS-System, wo es ihnen möglich war.

Fazit: Die Geschichte der Arbeiterklasse – es kann nicht sein, was nicht sein darf
Der Nationalsozialismus war kein „Klassenkampf von oben“ und keine „offen terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals”, er war vielmehr das „Bündnis von Mob und Elite“ und einen Teil des Mobs stellte auch die Arbeiterklasse.
Letztlich waren es auch die Söhne und – im geringere Ausmaß – die Töchter der Arbeiterklasse, die vor den KZ-Toren Dienst schoben, die in Wehrmachts- und SS-Uniformen marschierten, die in den Fabriken die Granaten zusammenschraubten, die als Vorarbeiter Zwangsarbeiter*innen herumkommandierten und die sich in irgendeiner anderen Weise mitschuldig machten.
Die deutsche Arbeiterklasse war im Dritten Reich keine unterdrückte Klasse, sondern Teil der Unterdrücker Europas.
Nur eine Minderheit passte sich nicht an, floh, verweigerte sich, leistete aktiven Widerstand oder desertierte. Die Minderheit gilt es zu ehren und zu würdigen. Wenn wir aber das Beispiel vom „Roten Mössingen“ hochhalten, sollten wir uns aber auch gleichzeitig fragen, warum es nicht tausend „Rote Mössingen“ gab.

Den Eindruck zu erwecken große Teile der Arbeiterschicht hätten sich dem Nationalsozialismus gegenüber renitent bis widerständig verhalten und wären nur durch Gewalt unter Kontrolle zu halten gewesen, wie es Dimitroff und seine Jünger tun, ist ein Mythos. Dieser Mythos muss offensichtlich deswegen aufrecht erhalten werden, um sich das Subjekt „Arbeiterklasse“ auch in Deutschland zu erhalten.
Auch die MAT versucht sich offensichtlich aus diesen Gründen an der Ehrenrettung der deutschen Arbeiterklasse und wärmt die Dimitroff-These wieder auf.

Eine unhistorische Glorifizierung der Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung verstellt den Blick auf wichtige Erkenntnisse aus der Geschichte. Sowieso findet sich in Deutschland heute eine soziokulturelle Arbeiterklasse nicht mehr wirklich. Die Bevölkerung der Bundesrepublik besteht heute zu mindestens 2/3 aus der bürgerlichen Mittelschicht, also genau jener Bevölkerungsgruppe, die einst überproportional die NSDAP gewählt hat.
Statt sich weiter auf die Suche nach der verlorenen Klasse zu begeben, sollte, mit dem Anarchisten Nettlau gesagt, nicht der „Klassensozialismus, sondern Menschheitssozialismus“ das Mittel zum Ziel sein.

ANMERKUNGEN
[1] Borowsky, Peter: Wer wählte Hitler und warum? Ein Bericht über neuere Analysen der Wahlergebnisse 1928 bis 1933, aus: Peter Borowsky: Schlaglichter historischer Forschung. Studien zur deutschen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert, aus dem Nachlass herausgegeben von Rainer Hering und Rainer Nicolaysen, S. 235-253. http://hup.sub.uni-hamburg.de/opus/volltexte/2008/9/chapter/ HamburgUP_Schlaglichter_Hitler.pdf (15.01.2009), Seite 248
[2] Jürgen W. Falter: Hitlers Wähler, München 1991, Seite 13
[3] Richard Stöss: Rechtsextremismus und Kapitalismuskritik, Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum Nr. 9, Berlin 2008, Seite 12
[4] Wolfgang Wippermann: Politologenbetrug. Ideologiekritik der Extremismus-Legende, Standpunkte 10/2010 der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Seite 2
[5] Peter Fritzsche: Wie aus Deutschen Nazis wurden, Zürich 1999, Seite 239