Alles was rechts ist

„Die Antideutschen“ werden von der „Marxistischen Aktion Tübingen“ (MAT) in ihrem Reader „»GOOD BYE, LENIN!« VOM »ABBRUCHUNTERNEHMEN DER LINKEN« INS RECHTE LAGER: EINE KRITIK »ANTIDEUTSCHER« IDEOLOGIE UND PRAXIS.“ wie der Titel zeigt als irgendwie „rechts“ eingestuft.
Ähnlich sieht es auch die überaus positive Rezension in der Tageszeitung „Junge Welt“ (JW) in der Kategorie „Politisches Buch“. Unter dem vielsagenden Titel „Eine Abrechnung“ schreibt ein Markus Bernhardt am 4. Juli 2011 in der MAT-Broschüre seien die Antideutschen und „ihre im Kern anti-antifaschistische und anti-aufklärerische Attacken“ entlarvt worden. Für Markus Bernhardt sind die Antideutschen „neurechten Kriegsapologeten, die sich kaum mehr von braunen Pendants wie »Pro Deutschland« unterscheiden“.

Statt der Analyse einzelner bedenklicher und reaktionärer Tendenzen wie beispielsweise bei der Zeitschrift „Bahamas“ [1], werden unter der Fremdetikettierung „Antideutsche“ generell antinational eingestellte Linksradikale zu Krypto- und Protofaschisten abgestempelt. Das geschieht entgegen dem Wissen der MAT, dass die von ihr gemeinte Gruppe besonders in Tübingen-Reutlingen konsequent antifaschistische Arbeit leistet. So nahmen nicht gerade wenige von den, von der MAT als „Antideutsche“ gelabelte Personen an der Demonstration gegen die Bundeswehrvereidigung 2010 und gegen das rechtspopulistische „Islamkritische Wochenende“ 2011 in Stuttgart teil. Es werden also wider besseres Wissen Antifaschist*innen der Praxis und der Überzeugung in die rechte Ecke gestellt.

Weiter zeigt der JW-Rezensent Markus Bernhardt, dass er wenig Ahnung von der begrifflichen Einordnung „neurechts“ hat, eine Kategorie die normalerweise die Anhänger der so genannten „Konservativen Revolution“ beschreibt. Bernhardt fasst seine kostenlose Werbung für die MAT-Broschüre zusammen: „Der Reader bietet einen detaillierten Überblick über die rassistischen Aktivitäten »antideutscher« Wortführer und Zusammenschlüsse“.
Kurzum „den“ Antideutschen wird irgendeine Art von Rechts-Sein und Rassismus vorgeworfen. Das grundlegende Element bzw. der kleinste gemeinsame Nenner jeder rechten Ideologie ist der positive Bezug auf das „eigene“ Kollektiv (Nation, Rasse, Religion). Der Bezug auf Gott, Volk und Vaterland findet sich bei „den Antideutschen“ aber an keiner Stelle. Sogar WIKIPEDIA weiß, dass es sich bei den Antideutschen um eine „antipatriotische Bewegung“ handelt.
Seltsamerweise wird den „rechten Antideutschen“ an anderer Stelle in der MAT-Broschüre vorgeworfen, sie würden sich zu sehr am deutschen Nationalismus abarbeiten und sie seien „frenetische Deutschlandhasser“.

Vom Anti-Antideutschen zum Pro-Deutschen?

Die MAT scheint den Antinationalismus, der in den progressiven Teilen der radikalen Linken zu den hart erarbeiteten Grundsätzen gehört, wieder aufgeben zu wollen. So schreibt die MAT in ihren Anti-Antideutschen-Reader:

„Zumindest in ihrer Hetze gegen die Linke aber stehen die frenetischen Deutschlandhasser den braunen Idioten nicht nach.“ (Seite 3)

Den Vorwurf „frenetische Deutschlandhasser“ zu sein, hört man sonst aus einer ganz anderen Ecke. Grundsätzlich ist das ja ein Ehrentitel, seltsam nur das es hier als Vorwurf von linker Seite formuliert wird.
Auch an anderer Stelle finden sich in dem Reader Vorwürfe, die man sonst nur von der NPD zu hören bekommt:

„Beim undifferenzierten Hass auf „das deutsche Volk“ und bei der kollektiver Verunglimpfung aller Deutschen als faschistisch und antisemitisch. Die „Antideutschen“ wollen angeblich „Deutschland von der Karte streichen“, sie wollen, dass „Deutschland wieder Ackerland“ wird; „Oma, Opa und Hans-Peter“ seien „keine Opfer, sondern Täter“, „Bombenterror und die Flut“ täten „allen Deutschen gut“ – so „antideutsche“ Demo-Parolen.“ (Seite 18)

Diese Parolen richten sich im Grunde nicht gegen „alle Deutschen“, sondern gegen alle Deutschfühlende. Wer sich angesprochen und beleidigt fühlt ist selber Schuld, weil sie/er sich dem konstruierten Kollektiv der Deutschen zugehörig fühlen.
War gerade noch von der „kollektive[n] Verunglimpfung aller Deutschen“ die Rede, so als wäre Deutschsein ein Naturzustand, räumt die MAT in ihrem Reader wenig später ein, dass es sich bei „den Deutschen“ um ein Konstrukt handelt.
Doch in der Argumentationslinie „Die Antideutschen sind die wahren Nazis“ wird beharrlich fortgefahren:

„Hier sind die „Antideutschen“ der nazistischen Ideologie von der „Volksgemeinschaft“, die sie vorgeblich bekämpfen wollen, selbst aufgesessen. Nazi-Ideologie wird hier lediglich ins Negative gewendet, aber nicht grundsätzlich in Frage gestellt.“ (Seite 18-19)

Wenn 80-90% der Bewohner*innen des „Dritten Reiches“ sich mit Tat und Nicht-Tat der Nazi-Volksgemeinschaft angeschlossen haben, dann wurde die Volksgemeinschaft Realität, wie bereits in einem voran gegangenen Beitrag auf „Linke Irrwege“ gezeigt wurde. Wenn sich die Kinder- und Enkel dieser Täter-Generation nicht den Taten und Untaten von Mama, Papa, Oma, Opa und Hans-Peter wirklich stellen wollen, wie die soziologische Studie „Opa war kein Nazi!“ nahe legt, dann scheint ein Teil der Volksgemeinschaft bis heute Realität geblieben zu sein.
Was im Übrigen eine „Nazi-Ideologie […] ins Negative gewendet“ sein soll, müssen die Macher der MAT-Broschüre unbedingt mal näher erläutern, vermutlich können sie es aber nicht. Mit derselben skurrilen Begründung könnte man auch aus Antifaschist*innen Faschist*innen machen, denn nach dieser seltsamen Umkehr-Logik ist schließlich ja auch der Antifaschismus ein ins negativ gewendeter Faschismus.

Baskenland-Soli oder barking with the underdogs

Dass die MAT und Co. grundsätzlich Nationalismus wenig kritisch gegenüber stehen, nimmt nicht Wunder. In den antiimperialistischen Gefilden existiert eine starke Sympathie mit diversen Befreiungsnationalismen. Dabei wird in einem Konflikt der vermeintlich unterlegene nationalistische Akteur („underdog“) gegen den vermeintlich überlegenen nationalistischen Akteur unterstützt. Einige, aber nicht alle, Antiimperialist*innen setzen noch einen gewissen linken Anstrich bei der unterstützen Gruppe voraus (Baskenland, Irland, Palästina). Andere Antiimperialist*innen haben – wohl auch im Bewusstsein der eigenen Machtlosigkeit – diesen Anspruch aufgegeben und solidarisieren und verbünden sich mit Hamas, Hisbollah, Baathisten oder dem Mullah-Regime im Iran.

Die linke Solidarität mit nationalen Befreiungsbewegungen ist zumindest heute stark überholt. Der Widerstand einer Organisation gegen eine koloniale und rassistische Politik qualifiziert diese nicht unmittelbar und automatisch für die Solidarität der Linken. Soziale Kämpfe und Emanzipation sind viel wichtiger als nationale Befreiung. Nach einer nationalen „Befreiung“ wurden die fremden Ausbeuter und Herrscher immer gegen einheimische ausgetauscht. Aus emanzipatorischer Perspektive, stellt es keinen Fortschritt dar, die Charaktermasken der Herrschenden auszutauschen.
Das ist aber kein Plädoyer für eine Aufgabe der internationalen Solidaritäts-Arbeit. Statt nationale Befreiungsbewegungen zu unterstützen, sollten emanzipatorische Linke lieber Basis-Gewerkschaften, Frauen-Organisationen und andere soziale Gruppen vor Ort unterstützen, deren politische Ausrichtung sie teilen.

Wie internationale Solidarität falsche Wege geht, illustriert anschaulich die Baskenland-Solidarität, die auch in Teilen der deutschen Linken verbreitet ist. Diese Solidarität bezieht sich positiv auf die baskischen Separatisten, insbesondere auf die bewaffnete Gruppe ETA und ihr nahestehende Gruppierungen. Die ETA ist trotz linken Anstriches stark ethno-nationalistisch orientiert. Ihr Ziel ist ein unabhängiges Groß-Baskenland (inklusive des französischen Baskenlandes) und nicht die soziale Befreiung der Menschen [2] wie beispielsweise bei der EZLN in Chiapas (Mexiko). Sie steht auch schon lange nicht mehr im Kampf gegen den faschistischen Staat unter Franco, sondern gegen einen normalen bürgerlichen Staat mit seinen üblichen Repressionsinstrumenten (mal angesehen von dem Todesschwadron „Grupos Antiterroristas de Liberación“, dass 1983-87 existierte). Nicht faschistische Soldaten werden heute von der ETA attackiert, sondern ganz normale Politiker und Polizisten, unter Inkaufnahme des Todes gänzlich Unbeteiligter. Das Ziel der baskischen, ETA-nahen Linksnationalisten wurde peinlich offenbar als aus diesen Kreisen beim Sozialforum in Paris eine Karte von der gewünschten Neuordnung Europas auftauchte und zwar entlang der Sprachgrenzen. Eine völkische Grenzziehung also. Plötzlich gab es ein Großdeutschland mit Österreich und Südtirol inklusive. Diese (Alb-)Traumpläne mögen nicht repräsentativ sein, aber sie zeigen worum es vor allem und zuerst geht: Das eigene Volk.
Symptomatisch sind auch die Ursprünge des baskischen Nationalismus, auf die sich auch baskische Linksnationalist*innen beziehen. Ein Beispiel ist der Begründer bzw. Erfinder des modernen baskischen Nationalismus. Die gesamte baskisch-nationalistische Identitätssymbolik (Fahne, Wappen, Nationalhymne und der Name „Euskadi“) geht ursprünglich auf einen Rassisten zurück, nämlich Subino de Arana y Giori, der gerne mal von der „Reinheit des Blutes“ der Basken schwärmte [3].

Die Prioritäten-Setzung des Nationalismus führt häufig dazu, dass dem „Alles fürs Vaterland“-Prinzip alle anderen Prinzipien untergeordnet werden. Konkret heißt das beispielsweise, dass die IRA in den 1940er Jahren mit Hitler-Deutschland gegen Großbritannien kooperierte oder, dass die PLO mit rechten Gruppen wie der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ aus Deutschland kooperieren [4].

ANMERKUNGEN
[1] Statt der Fehlanalyse der „Englisch Defence League“ durch einen einzelnen Bahamas-Autoren ist bei dieser die generelle Nicht-Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus viel problematischer.
[2] gruppe demontage: Alptraum Euskadi, in: Konkret 10/98
[3] gruppe demontage: Postfordistische Guerilla, Münster 1998, Seite 191
[4] Tobias von Heymann: Die Oktoberfest-Bombe, Berlin 2008, Seite 287-296