Über den Bannfluch des Antikommunismus aus Gründen der Kritik-Abwehr

Das ist nicht der Kommunismus!
BILD: Ein „antikommunistisches“ Motiv oder doch nur die Ablehnung von autoritärer Herrschaft?

Eine Linke, die fragend voranschreiten will, muss sich schonungslos ihrer eigenen Vergangenheit stellen und darf darüber hinaus die gegenwärtigen linken Irrwege nicht vergessen. Wer die Vergangenheit nicht versteht, der ist gezwungen sie zu wiederholen.
Alle linken Missstände müssen dabei ohne Scheu und Scheuklappen konsequent auf den Tisch gebracht werden.
Eine Form der störrisch-ignoranten innerlinken Kritikabwehr ist der Antikommunismus-Vorwurf. Dabei wird die Brandfackel des Antikommunismus-Vorwurfs in das Haus der Kritiker geworfen, in der Hoffnung, dass dieser Vorwurf zünde und gleich das ganze Gerüst der Kritik abbrenne.
Mit der Begrifflichkeit „Antikommunismus“ wird die ernsthafte Kritik an linken Zuständen gleich von Anfang an denunziert. Denn Antikommunismus, das ist doch die Ideologie von Hitler, dem Papst und neuerdings von Breivik.

Marxistisch-leninistische Gruppen wie die „Marxistische Aktion Tübingen“ (MAT) fordern von anderen Linken eine solidarische Kritik ein. Geschieht das nicht, sondern stoßen sie auf Ablehnung ihrer Ideologie, so wird das als „Antikommunismus“ gebrandmarkt. Das heißt, es wird von anderen Linken generell erwartet, dass sie bestimmte Grundpositionen teilen oder wenigstens für diskutierbar halten. Ein Teil der Linken lehnt aber jedweden Bezug auf staatssozialistische Projekte, oldystyle-Klassenkampf (nicht zu verwechseln mit sozialen Kämpfen) oder Partei- und Kader-Organisation ab.
Diese grundlegende Ablehnung und grundsätzliche Kritik empört nun die MAT und wird als „unsolidarisch“ denunziert. Durch das Ablegen in der Schublade „Antikommunismus“ wird suggeriert, es handle sich um eine ungerechtfertigte und „bürgerliche“ Kritik.

Dabei existiert eine lange Tradition der linken Ablehnung marxistisch-leninistischer Theorie und Praxis. Diese entstand aus grundsätzlich gegensätzlichen Annahmen und wurde aus konkreten historischen Erfahrungen heraus geboren. Die grundsätzlichen Kritiker_innen und Gegner_innen des Leninismus und Stalinismus halten die Geschehnisse in Kronstadt, Spanien oder in der Sowjetunion nicht für einen Zufall. Es handelt sich ihrer Überzeugung nach nicht um Exzesse oder Übertreibungen, die lediglich aus dem historischen Kontext heraus verständlich sind. Sie sind vielmehr aus dem Leninismus an sich heraus erklärbar. Elitäres Avantgarde-Verständnis (wissen was für die Masse richtig sein soll), der Alleinvertretungsanspruch (auch innerhalb der Linken), eine das Ziel-rechtfertigt-die-Mittel-Ethik, ein dualistisches Weltbild (die bösen Reichen und das gute Volk) und die hierarchische Organisation (Kader, Zentralkomitee, Partei) führten zu der Unterdrückung und Verfolgung der nicht-parteikommunistischen Linken, zur Etablierung eines Geheimdienstes (Tscheka unter Lenin, Stasi in der DDR etc.) und letztlich zu einer Diktatur über(!) das Proletariat.

„Antikommunismus“ wird also von linken Gruppen mit autoritärer Zielsetzung (Leninisten, Maoisten, aber auch Trotzkisten) erkennbar als Kampfbegriff zur Brandmarkierung aller politischen Gegner, auch der im eigenen Lager bzw. in der eigenen Szene, verwendet.

Ein größerer Teil der libertären Linken lehnt auch die aktuellen staatssozialistischen und sozialdemokratischen Projekte Kuba und Venezuela mit überaus guten Gründen ab. Auf Kuba herrscht seit über fünfzig Jahren der „leader maximo“, ein alter Mann in Militäruniform. In Venezuela herrscht ein Sozialdemokrat und Linksnationalist, der an der Spitze einer Hierarchie steht und sich in seinem antiamerikanischen Ressentiment gegen „die Gringos“ mit Gestalten wie dem iranischen Diktator und Antisemiten Mahmud Ahmadinedschad einlässt, dem syrischen Nachwuchs-Diktator al-Assad junior oder fast bis zuletzt den lybischen Langzeit-Diktator Gaddafi unterstützt hat.
Was zu Recht bei den EU-Regierungen kritisiert wird, nämlich z.B. die Zusammenarbeit mit Gaddafi bei der Flüchtlingsabwehr, wird bei Chavez klammheimlich unter den Tisch fallen gelassen. Damit wird Chavez‘ Logik vom dialektischen Antiimperialismus, wonach die USA die Bösen sind und deren Gegner die Guten und deren Bündnispartner gebilligt oder gar nachvollzogen.
Es ließen sich jetzt diese und jene Gründe ins Feld führen, warum es der Bevölkerung in Kuba und Venezuela besser geht bzw. wer oder was daran Schuld sind, dass es ihnen noch nicht gut genug geht. Doch dasselbe Spiel kann man auch mit parlamentarischen Demokratien spielen. Libertäre Linke aber wollen weiter kommen als diese Suche nach dem guten Herrscher und der guten Herrschaft. Genau das verbirgt sich nämlich hinter dem positiven Bezug auf Lenin, Chavez oder Castro:
Der Glaube an der Spitze einer staatlich verfassten Hierarchie müsse nur der gute Herrscher stehen, dann sind wir schon im besseren Leben angekommen.

Sind Anarchist_innen Antikommunist_innen?

Genau bei den Hierarchien und der staatsförmigen Begrenztheit setzt auch die grundsätzliche Kritik der Anachist_innen an, die von den Hammer-und-Sichel-Nostalgiker_innen, SED-Konservativen,
Beton-Kommunist_innen, „Regierungssozialdemokraten“ (Rosa Luxemburg), Staatsfetischist_innen und Parteikommunismus-Anthänger_innen so gern als (linker) „Antikommunismus“ diffamiert wird.

Dabei haben Anarchist_innen nicht nur theoretische Einwände, sondern auch praktisch in ihrer Geschichte zu spüren bekommen, was staatssozialistische Projekte für libertäre Linke bedeuten. Schon in der Sowjetunion gab es fast von Anfang an eine Verfolgung emanzipatorischer Linke:
* Am 11. und 12. April 1918 fand eine Polizeiaktion gegen ein Moskauer Büro der Anarchist_innen statt. Es stürmten 1.000 Tscheka-Einsatzkräften 20 von Anarchist_innen besetzte Häuser in Moskau und verhafteten 520 Anarchisten, von denen 25 Personen wegen „Banditentum“ hingerichtet werden.
* Im November 1920 ermordeten und verhafteten die Bolschewiki die Kommandeure der anarchistischen „Machnowstschina“-Bewegung bei Verhandlungen auf der Krim.
* Im März 1921 kommt es zur militärisch-gewaltsamen Niederschlagung des libertären Kronstädter Matrosenaufstandes. Mindestens 16.000 der Aufständischen sterben.

Es ist eben kein antikommunistisches Gräuel-Märchen das bereits 1918 auf Geheiß Lenins Anarchist_innen aus ihren Häusern gezerrt und erschossen wurden, es ist die historische Realität. Das Schlimme ist aber nicht nur, dass auch Linke verfolgt wurden, sondern dass Menschen, die keine aktiven und bewaffneten Feinde waren, verfolgt und unterdrückt wurden. Die Kritik von libertärer Seite würde kaum weniger laut sein, wenn es „nur“ Bäuerinnen und Bauern getroffen hätte.
Lenin in die Tonne

Wie soll man denn nach solchen historischen Erfahrungen den Anhängerinnen und Anhängern Lenins oder Trotzkis (der als militärischer Kommandant u.a. die Niederschlagung des Kronstädter Aufstandes organisierte und auch im Exil bis zuletzt verteidigte) anders gegenüber treten als mit Ablehnung ihrer Konzepte? Ist das Antikommunismus? Es handelt sich natürlich um mehr als einen Streit um eine Vokabel, aber eben auch um eine solche. Denn mit dem Etikett „Antikommunismus“ wird man in eine Kiste gesteckt mit „bürgerlichen“ und rechten Kritiker_innen und Feinden aller linken Utopien. Tatsächlich sagen „bürgerliche“ und rechte Kritiker_innen manchmal dasselbe wie linke Kritiker_innen des Staatssozialismus. Der entscheidende Unterschied liegt aber darin, dass die emanzipatorische Kritik auch den bürgerlichen Staat bzw. die parlamentarische Demokratie wie überhaupt die Staatlichkeit in ihre generelle Kritik mit einschließt. Dies geschieht aus der völlig unterschiedlichen Zielsetzung heraus. Ziel der einen, ist es höchstens die parlamentarische Demokratie und den (Privat-)Kapitalismus zu verteidigen, Ziel der emanzipatorischen Kritik an autoritären, linken Irrwegen ist aber die Abschaffung von Staat, Nation, Kapital und Patriarchat zugunsten einer freien Gesellschaft weltweit, einer „Assoziation freier Individuen“ (Marx). Dieser Unterschied ist entscheidend!

„Antikommunistische“ Zitate von links
In der langen Tradition libertärer Radikalkritik und Ablehnung staatssozialistischer Projekte finden sich vielerlei Zitate, die teilweise geradezu prophetischen Charakter haben. Aber nicht, weil die Personen etwa tatsächlich über prophetische Gaben verfügten, sondern weil sich ihnen ein wahrscheinlicher Zukunftsverlauf aus der Agenda der Kritisierten heraus erschloss.

„Gewiß, jede demokratische Institution hat ihre Schranken und Mängel, was sie wohl mit sämtlichen menschlichen Institutionen teilt. Nur ist das Heilmittel, das Trotzki und Lenin gefunden: die Beseitigung der Demokratie überhaupt, noch schlimmer als das Übel, dem es steuern soll: es verschüttet nämlich den lebendigen Quell selbst, aus dem heraus alle angeborenen Unzulänglichkeiten der sozialen Institutionen allein korrigiert werden können. Das aktive, ungehemmte, energiesche politische Leben der breitesten Volksmassen.“

Rosa Luxemburg: Die russische Revolution, 1922 erstmals veröffentlichtes Manuskript

„Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der „Gerechtigkeit“, sondern weil all das Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die „Freiheit“ zum Privilegium wird.“

Rosa Luxemburg: Die russische Revolution, 1922 erstmals veröffentlichtes Manuskript

„Das öffentliche Leben schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im Grunde also eine Cliquenwirtschaft – eine Diktatur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker, d.h. Diktatur im bürgerlichen Sinne, im Sinne der Jakobiner-Herrschaft (das Verschieben der Sowjet-Kongresse von drei Monaten auf sechs Monate!).“

Rosa Luxemburg: Die russische Revolution, 1922 erstmals veröffentlichtes Manuskript

„Was wird aus dem Marxismus, der da predigt, dass die soziale Revolution der Geburtsakt eines neuen gesellschaftlichen Lebens ist? Ist in den bolschewistischen Prinzipien und Methoden, wie sie in Russland zur Anwendung gelangen, irgendein Anzeichen dafür vorhanden? Der bolschewistische Staat hat den Beweis erbracht, dass er für die russische Revolution eine Verschwörung von vernichtender Bedeutung gewesen ist […].“

Emma Goldmann (Nach: Degen/Knoblauch: Anarchismus, Seite 65)

„Der bolschewistische Kommunismus ist Absolutismus der Kommissare plus Erschießungen“

die Aufständischen von Kronstadt