Alles „anti-linke Hetze“?

»Befreien wir sie von den Hirngespinsten, den Ideen, den Dogmen, den eingebildeten Wesen, unter deren Joch sie verkümmern. Rebellieren wir gegen diese Herrschaft der Gedanken.«*1

Die konterrevolutionären Niederschlagungen der Selbstemanzipation der Menschen durch die vermeintlich revolutionären BolschewistInnen und ihrer ideologischen Zerfallsprodukte finden sich in der Geschichte der immer wieder hervortretenden ArbeiterInnenräte (Sowjets), die 1917 von eben diesen Bolschewisten rekuperiert, und 1921 von Lenin und Trotzki in Kronstadt liquidiert wurden und ebenso der parteilosen, selbstverwalteten Machnowschtschina Jahre 1922 in den Rücken fielen und die Bewegung niederschlugen.
China 1927 steht für ein frühes, brutales militärisch-bürokratisches Unterbrechen und Abblocken einer beginnenden revolutionären Bewegung eines entschlossenen, aber zahlenmäßig sehr schwachen Proletariats.
1936-37 sind die Räte in Spanien durch die anarchistische Gewerkschaft rekuperiert, von den StalinistInnen von innen und vom deutschen Nationalsozialismus sowie vom italienischen Faschismus von Außen niedergemacht worden.
Die sogenannte »Großen Proletarischen Kuturrevolution« 1966-1969 in China gibt par excellence das historische Beispiel einer bürokratischen Wirtschaftsform, einer nachholenden staatskapitalistischen Akkumulation ab, die sich als Sozialismus ausgegeben hat. Die in dieser vom bürokratischen Terror beschleunigten ursprünglichen Akkumulation neu entstandenen Widerstände sind mit dem extremen Führerkult einer Person, die des Mao ZeDongs, repressiv sublimiert worden.

Insgesamt führte das von Teilen des ›Proletariats‹ spektakulär und knechtisch angebetete Modell der ›sozialistischen‹ Oktoberrevolution sowie der »Großen Proletarischen Kuturrevolution« in zahlreichen Ländern zur Dogmatisierung derjenigen Parteien, die sich am bolschewistischen Modell orientierten und zur Liquidierung alternativer kommunistischer Organisierungen.
Aus diesen historischen Schwächen und Niederlagen der Räteorganisierung muss gefolgert werden, dass die fetischistischen Trennungen der hierarchischen Klassengesellschaft, welche sich in den revolutionären Kampf- und Organisationsformen immer wieder produziert haben und sich jederzeit wieder reproduzieren können, schon im Keim aufzubrechen und zu überwinden sind. Das bedeutet in erster Linie, dass die Entfremdung nicht mit entfremdeten Mitteln bekämpft werden kann, ansonsten stellt sich »die ganze alte Scheiße« (Marx) und mit ihr die gesellschaftlich hierarchische Trennung immer wieder her. Um die mögliche (nicht ›objektiv automatische‹!) Selbstorganisierung der Menschen zu begünstigen, muss der Leninismus in all seinen Spielarten strikt abgelehnt werden!

Die Organisation des Proletariats nach dem bolschwistischen Modell unter der Leitung von BerufsrevolutionärInnen, enthält schon die wesentlichen ideologischen und konterrevolutionären Verkehrungen: Die Marxsche Theorie der Selbstemanzipation des Proletariats, der anti-staatlichen »Diktatur des Proletariats« als Diktatur der »radikalen Bedürfnisse« (Marx) wurde in der Leninschen Parteiideologie in ihr Gegenteil verkehrt, in eine »Diktatur über das Proletariat“, auf der Grundlage eines nachholenden, kapitalistisch-despotischen Akkumulationsregimes.

Des Weiteren darf den BerufsrevolutionärInnen die Huldigung einer der brutalsten Durchführungen der ursprünglichen Akkumulation, der des ›Sozialismus in einem Land‹, unter Stalin in der ehemaligen UdSSR nicht fehlen. Deren nationalstaatliche ›Lösungen‹ oder ›Großen Sprünge‹ dienten letztendlich zur Ermächtigung einer staatskapitalistischen Bürokratie als ebenso »herrschende Klasse“ auf Kosten des »Proletariats“, durch die Aufrechterhaltung der Arbeitskraft als Ware.

Was Marx klarmachen wollte, nämlich dass der Sozialismus weder auf Wunsch noch auf Befehl einer Staatsmacht verwirklicht werden könne, wollten Lenin und Stalin widerlegen. Konsequent forderte Lenin zur Sicherung der Leitung der gesellschaftlichen Arbeit »die Unterordnung des Willens von Tausenden unter den eines einzigen.« (Lenin) Kritisierte noch Marx den despotischen Charakter des industriellen Arbeitsprozesses, so wurde diese Despotie von Lenin als notwendiges Übel in Kauf genommen und in eine Fortschrittsideologie (zur Not auch gegen die Produktivkräfte) umgelogen. Das hochgezüchtete mehrwertschaffende Sowjetproletariat wurde staatsbürokratisch gezwungen für die Akkumulation des Staatskapitals außer der miserablen Bezahlung auch diese Entstellung des ›Sozialismus‹ als ideologische Konsequenz mit in Kauf zu nehmen. Hierbei entlehnte Lenin mit seinem ›Weisheitsspruch‹ »Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen« seine politische Moral dem christlichen Evangelium und Stalin dachte wie sein Meister: »Die erzeugten Produkte werden nach der Arbeitsleistung verteilt.« Die schlechte Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln im sogenannten Realsozialismus als bloße Übereignung an Staatsapparate, dessen IdeologInnen von einer unvermittelten und damit falschen Gegenüberstellung von Lohnarbeit und Kapital ausgingen, schrieben weiterhin die Herrschaft der toten über die lebendige Arbeit fort und transformierten bloß die bürgerliche Ökonomie in einen bürokratischen Staatskapitalismus. Mit äußerster staatsterroristischer Gewalt wurden jegliche revolutionären Selbstorganisationsversuche der arbeitenden Bevölkerung, die alle Formen des Kapitalismus und seine grundlegendsten Kategorien zu überwinden versuchten, so auch die Lohnarbeit im Staatskapitalismus, immer wieder niedergeschlagen. Ebenso wurde auch jeder theoretische Dissens im Keim erstickt und selbst wichtige Marxsche Schriften entkamen der stalinistischen Zensur nicht.

Diese stalinistische Konterrevolution wird von einer Vielzahl von arbeiterbewegungs-marxistischen Gruppen klein geredet. Auch die Marxistischen Aktion Tübingen »verharmlost« diese natürlich in keinster Weise, nein, sie »erklärt« sie!
Es wird dabei einiges an konterrevolutionärer Ideologie aufgeboten, was die ArbeiterInnenbewegung der letzten hundert Jahre begleitete und das bisherige Scheitern einer potentiell revolutionären Selbstorganisierung der Menschen mitbedingt hat.

Auch Kuba stellt mit seiner Form des ›Sozialismus‹ nicht viel Anderes dar. Bezüglich der Positionierung zu Kuba scheint zumindest ein Mitglied des 3A Bündnisses (an dem sich die MAT beteiligt), die KPD/Roter Morgen, den Kuba-Huldigungen der MAT zu widersprechen, wenn sie erkennt, dass »eine Gesellschaft wie in Kuba, (…) an manchen Stellen wie Sozialismus aussehen mag, aber im Kern schon längst ein Ausbeutungssystem geworden ist, mindestens genauso instabil ist wie der krisengeschüttelte offene Kapitalismus. Denn von Sozialismus kann in Kuba schon lange keine Rede mehr sein, das kubanische Volk hält weder den Staatsapparat noch die verstaatlichen Betriebe wirklich unter Kontrolle, sondern die kubanische Parteielite (…).«*2
In welchem real-sozialistischen Staat war das je anders?

Die unsägliche Tradition des Umlügens der bittersten Niederlagen der ArbeiterInnenbewegung in vermeintliche Siege hat zu einem nicht unwesentlichen Teil dazu beigetragen, dass die ArbeiterInnenbewegung stets auf ein Neues in schon verlorene Schlachten gezogen ist. Da eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Fehlern und Trugschlüssen von den Siegern der bisherigen Geschichte ständig sabotiert und von den Proletarisierten verdrängt wurde, konnten auch die dabei gemachten emanzipatorischen Erkenntnisse kaum gerettet werden.

Mit einer solchen »Aktualität des Kommunismus« hat »die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt« (Marx), d.h. eine revolutionäre kommunistische Bewegung nichts zu schaffen. Insofern sollten alle, die von diesem Begehren umgetrieben werden, die geschmacklose, konterrevolutionäre Folklore dem Müllhaufen der Geschichte überantworten.

Es sollten sich daher Alle aufgerufen fühlen, sich aus eben diesem geschichtlichen Bewusstsein heraus den entfremdeten Organisationsformen der ideologisch zusammengeschweißten Gruppen zu lösen und die durch begriffliche Kritik und Theorie ihre emanzipativen Begierden aus der gesellschaftlichen Verdrängung heraus erkennende Menschen aktiv an der Aufhebung dieser Gesellschaft und Überwindung all ihrer Trennungen teilzuhaben.

*1 Die deutsche Ideologie. Marx/Engels, MEW 3, S. 13, 1846/1932
*2 http://www.kpd-net.de/rmvoll_1224.html

Als Vorlage diente:
http://aus-in-der-vorrunde.de/diewarerevolution/erster_mai_flugblatt.pdf