Bini Adamczak: GESTERN MORGEN. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft. Münster 2007.
Ein schmales Büchlein gefüllt mit einem nachdenklichen Essay, dass ehrlich darüber nachdenkt wie eine Selbstreflexion derer aussehen muss, die sich Kommunisten nennen. Die Losung „Kritik schadet“ lehnt Adamczak ab. Statt auf der von Seiten des Antikommunismus vorgetragenen Kritik auszuweichen plädiert der Autor dafür sich den eigenen Toten zu stellen. Denen, die im Namen des Kommunismus ungewollt starben und denen, die als Vertreter einer unangepassten Minderheiten-Linie starben. Beispielsweise die von der UdSSR im Rahmen des Hitler-Stalin-Vertrages an Nazi-Deutschland ausgelieferten Antifaschisten. Den Hitler-Stalin-Vertrag sieht Adamczak so: „So wie der pazifistische Internationalismus der zweiten Internationale an einen imperialistischen Nationalismus verraten wurde, so der antifaschistische Internationalismus der Dritten Internationale an den Sicherheitsnationalismus der Stalinschen Außenpolitik.“ (Seite 34)
Auch gegen Vereinfachungen in der kommunistischen Bewegung wendet sich der Autor, so betont er beispielsweise, dass einige Erscheinungsformen in der alten Bundesrepublik „zwar Züge faschistischer Fratze aufweisen – aber ein Grinsen macht noch keine Katze.“ (Seite 43).
Immer wieder fragt sich der Autor, was im Staatssozialismus aus dem Kommunismus wurde und schaut genauer hin: „Aber in ihrer verdinglichten Form lässt sich die Partei als spezifische Maschinerie kapitalistischen Typs beschreiben, Genossenschaft, Kreditgesellschaft und Fabrik in einem, die mit hierarchischer Organisation, ökonomischer Effizienz und militärischer Disziplin nur ein einziges Produkt mehr bewirbt als produziert: die Zukunft, kommunistisch.“ (Seite 78)
Letztlich tritt Adamczak dafür ein die stalinistische Konterrevolution als Teil kommunistischer Geschichte anzuerkennen, weil sie im Namen des Kommunismus stattfand und damit alles veränderte: „Der Marxist Stalin wird, so traurig das ist, den Nichtmarxisten Marx auf immer verändert haben.“ (Seite 138)
Leider reflektiert Adamczak etwas zu wenig das generelle Problem von Hierarchien, auch wenn sie die Organisationsform Partei kritisiert.
Zum Schluss fragt er, ob tatsächlich Inhalte zugunsten der Ziele zurückstehen müssen und verneint diese Frage. Als Beispiel führt sie, neben Kronstadt, Salvador Allendes Regierung an, die nach dem Beginn des Putsches unter Pinochet sich gegen den Aufruf zum Bürgerkrieg entschied. In Kronstadt wollten die Aufständischen die Bolschewisten überzeugen und druckten ohne Zensur auch die Verlautbarungen ihres Gegners ab, sie weigerten sich die Mittel der Parteikommunisten anzuwenden, selbst wenn sie damit die Chance auf einen Sieg aufgaben.

Bernhard H. Bayerlein: »Der Verräter, Stalin, bist Du!« Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939-1941. Unter Mitarbeit v. Natalja S. Lebedewa, Michail Narinski und Gleb Albert, mit einem Zeitzeugenbericht v. Wolfgang Leonhard und Vorwort v. Hermann Weber, Berlin 2008.
Ein äußerst lesenswertes und lehrreiches Buch, dass eine linke Kritik am Hitler-Stalin-Pakt fundiert formuliert und an Hand von Quellen den Hergang dieses Verrates, sowie Vor- und Nachspiel wiedergibt. Das Buch besteht neben einer längeren Einleitung zu 3/4 aus übersetzten Quellen, zumeist Komintern-Telegramme, Aufrufen und Auszüge aus Tagebüchern. Die Kritik an den individuellen Attentaten der KP Frankreichs im Widerstand gegen die deutsche Besatzung scheint manchmal unverhältnismäßig scharf, als ob diese damit für die als Vergeltung angeordneten Geiselmorde verantwortlich wäre. Schade, dass nicht kritisch auf die Hintergründe der Person Ernst Jünger eingegangen wurde, der auch zitiert wird, und keine gewissenhafte Endredaktion stattgefunden hat. Dann hätten nämlich Wiederholungen vermieden und ein Einschleichen der Komintern-Sprache in den Begleittext vermieden werden können.

Margarete Buber-Neumann: Als Gefangene bei Hitler und Stalin, München 1949
Die Autorin beschreibt gut nachvollziehbar ein bewegendes Frauenschicksal, dass sie erst zwei Jahre in den Gulag verschlägt und dann in das KZ Ravensbrück, hier angefeindet von stalinistierten Kommunistinnen. Ein eindrucksvolle Persönlichkeit, der es gelang sich ihre Menschlichkeit unter allen Umständen zu bewahren.

Hans Hartl: Nationalismus in Rot. Die patriotischen Wandlungen des Kommunismus in Südosteuropa, Stuttgart 1968
Trotz seines Alters ein interessantes Büchlein über die (Re-)Nationalisierung der drei staatssozialistischen Regime Rumänien, Ungarn und Jugoslawien. Bereits unter Stalin flossen immer mehr „vaterländische“ Ideologieelemente in die Staatsdoktrin ein und schließlich galt es den „Sozialismus in einem Lande“ (Stalin) aufzubauen. Das Ganze gipfelte in Führerkult, Vaterland-Mythos und Totalität des Staatsgedanken und strahlte auch auf die sowjetischen Satelliten aus. Hier wurde versucht eine innenpolitische Entspannung durch Bedienung des „nationalen Faktors“ herbeizuführen. Noch heute ist es interessant zu lesen, wie unterschiedlich das in den drei Beispiel-Ländern ablief. Rumänien war dabei unzweifelhaft das nationalistischste.
Der Autor Hartl war übrigens der damalige Leiter der Abteilung Gegenwartskunde im Münchner Südosteuropa-Institut.

Klaus Heller: Die Unterwerfung des Dorfes, in: Antonio Peter, Roberg Maier (Hg.): Die Sowjetunion im Zeichen des Stalinismus, Köln 1991, Seite 63-73
Knapp gehaltene Darstellung über den Konflikt zwischen der Sowjet-Oligarchie und den Dörfern. Bereits vor Stalin wird aus ideologischen Motiven von einer „Klassenmäßigen Differenzierung der Bauernschaft“ (Lenin) gesprochen. Ein Klassenkonflikt innerhalb der Dörfer und eine dazu gehörige Ausbeuter-Klasse (Kulaken) wird konstruiert und verfolgt, obwohl fast alle Bauern an einer Subsistenzwirtschaft und nicht an einem „Agrarkapitalismus“ orientiert waren.

Hermann Hodos: Schauprozesse. Stalinistische Säuberungsprozesse in Osteuropa 1948-54, Berlin 1990
Ein Buch mit der Darstellung und Beschreibung der stalinistischen Schauprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa, mit Ausnahme der Sowjetunion. Die unbekannte Vorbereitung antisemitischer Prozesse in der DDR wird auf den Seiten 190 bis 197 dargestellt.

Mario Keßler: Stalinistischer Terror gegen jüdische Kommunisten, in: Hermann Weber, Dietrich Staritz: Kommunisten verfolgen Kommunisten, Berlin 1993, Seite 87-102
In diesem Buchbeitrag erfährt der Leser, dass Stalin bereits 1938 vom „jüdisch-faschistischen Zentrum“ sprach. Der Antisemitismus Stalins war damals aber eher Instrument als Glaubenssache. Die Eliminierung der Funktionäre der KP Palästinas und der politisch-kulturellen Führung des jüdisch-autonomen Gebietes Birobidschan ist eher im Zuge der allgemeinen Säuberungen zu sehen, als ein speziell antisemitischer Akt.

Mario Keßler: Die SED und die Juden – zwischen Repression und Toleranz, Berlin 1995
Die Forschungsarbeit von Mario Keßler widmet sich dem Verhältnis der DDR-Staatspartei SED zu der jüdischen Minderheit. Dazu beleuchtet der Autor auch das Verhältnis von der KPD zu Juden vor 1933 und die Behandlung von Juden in der UdSSR unter Stalin. Zwar war Stalin nach 1945 ein Antisemit, aber Stalin praktizierte offenbar einen Zweckantisemitismus, der sich aber vom Vernichtungsantisemitismus der Nazis unterschied. Dieser Zweckantisemitismus griff antisemitische Ressentiments in der Bevölkerung auf und konstruierte jüdische Verschwörungs-Bedrohungen. Diese antisemitischen Verschwörungstheorien wurden auch auf den Ostblock übertragen und richteten sich dort gegen die überlebenden Juden und Personen jüdischer Herkunft. Die Repression der SED richtete sich auch gegen die wieder erstandenen jüdischen Gemeinden in der DDR, denen u.a. Kontakte nach Israel, zur Joint oder zu Noel Field, einem Pfarrer aus den USA, der Emigranten unterstützte, vorgeworfen wurden. Durch diese antisemitische Kampagne verschreckt flüchteten bis Ende März 1953 550 Juden aus der DDR, davon allein im Januar 400. Da Antisemitismus in der ostdeutschen DDR eher hinderlich für Stalins Deutschlandpolitik war, fand hier vermutlich die Politik der antisemitischen Schauprozesse nur in abgemilderter Form statt. Hauptperson dieser Schauprozesse sollte der Nichtjude Paul Merker sein, dem sein Einsatz für Juden und Israel zum Vorwurf gemacht werden sollte. Nur der Tod Stalins verhinderte den Schauprozess gegen den bereits inhaftierten Merker. Merker erkannte, was sich hinter den Anschuldigungen gegen ihn verbarg: „Man stempelt Genossen zu Agenten, nur um propagandistische Argumente gegen Amerika zu haben. Das nennt man Klassenkampf und betrügt die Massen. Dies alles geschieht im Namen der Partei und steht im Widerspruch zur marxistischen Theorie. Denn der Marxismus ist Humanismus.“ (Paul Merker, 20. Januar 1953, inhaftierter Hauptangeklagter in einem antisemitischen Verschwörungsprozess).
Es kam zu einer Mäßigung und die jüdische Gemeinde in der DDR wurde sogar extrem gefördert. Trotzdem praktizierte die DDR einen rigorosen Antizionismus, verweigerte Juden die Entschädigung und konnte aus ihrem ideologischen Rahmen heraus nie anerkennen, dass Juden als Juden verfolgt wurden.

Stefan Plaggenborg: Der Aufstieg Stalins bis 1928/29, in: Antonio Peter, Roberg Maier (Hg.): Die Sowjetunion im Zeichen des Stalinismus, Köln 1991, Seite 45-61.
Der Autor berichtet, dass Stalins Aufstieg nach dem Tod Lenins langsam vonstatten ging und noch bis 1934 durchaus erschütterlich war. Stalin hatte keine Machtbasis in der Armee, sondern in den post-Oktoverrevolutionären Parteimitgliedern und im Sekretariat mitsamt dessen gesammelten Informationen über einzelne Parteifunktionäre („Genosse Karthothek“). Stalin inszenierte sich innerhalb der KPdSU als Vertreter eines Mittelblocks gegen vermeintliche Links- und Rechtsabweichler gegenüber den Leninschen Lehren.

Edmund Silberer: Sozialisten zur Judenfrage, Berlin 1962.
Das Buch ist in den Jahren 1945 bis 1950 entstanden. Der Autor untersucht die Einstellung sozialistischer Denker zur so genannten „Judenfrage“, in diesem Fall ist die Emanzipation dieser Minderheit gemeint, in Bezug auf west- und mitteleuropäische Sozialisten bis 1914 und Bakunin. Daneben geht er auf den Kongress der II. Internationale 1891 in Brüssel ein, auf dem sich alle Versammelten einstimmig gegen „Anti- und Philosemitismus“ aussprachen, also ein weder-noch verkündeten, hinter das sich auch sozialistische Antisemiten getrost zurückziehen konnten.
Der Autor konstatiert bis 1900 eine Abnahme des sozialistischen Antisemitismus. Er führt das u.a. darauf zurück, dass sozialistische Funktionäre damit aufhörten den Antisemitismus als Vorform zum Antikapitalismus wahrzunehmen und zu begrüßen, dass ein jüdisches Proletariat (u.a. auch in London) entstand und die antisemitische Diffamierung durch politische Gegner. Er stellt auch fest, dass einige sozialistische Funktionäre sich zwar gegen einen politischen Antisemitismus aussprachen, selbst aber nicht frei waren von antijüdischen Vorurteilen.

Reiner Tosstorff: „Ein Moskauer Prozess in Barcelona“, in: Hermann Weber, Dietrich Staritz: Kommunisten verfolgen Kommunisten, Berlin 1993, Seite 193-216
Der Arm Stalins reichte bei seinen Säuberungen bis ins Ausland. Das wohl berühmteste Opfer Stalins im Ausland war sicherlich Trotzki, der 1940 in Mexiko ermordet wurde. Doch auch anderswo war Stalin zugange. Mitten im Spanischen Bürgerkrieg verfolgten sowjethörige Stalin-Gefolgsmänner Anhänger der linksradikalen bzw. leninistischen POUM. Eine gute und kompakte Darstellung davon liefert der Autor Reiner Tosstorff.

Arvo Tuominen: Stalins Schatten über Finnland. Erinnerungen des ehemaligen Führers der finnischen Kommunisten, Freiburg/Breisgau 1986.
Der Autor saß als Kommunist zehn Jahre im finnischen Gefängnis und war ab 1933 sieben Jahre in der UdSSR im Exil. Der Autor Tuominen war nicht nur Absolvent der Lenin-Schule, sondern auch engster Vertrauter von Kuusinen, dem persönlichen Sekretär Stalins. Laut dem Autor stützte Stalin seine Macht auf drei miteinander konkurrierende Säulen: GPU, Rote Armee (Vierte Abteilung) und Partei (Kontrollkomitee). Er erwähnt die Selbstzerfleischung der Kommunisten (ab S. 148) ebenso wie von Potemkinschen Dörfern und Anlagen der Sowjets für ausländische Besucher (S. 161-170), um diese zu indoktrinieren. Als Stalin 1939 Finnland überfällt, kommt es schließlich zum Bruch.

Hermann Weber: „Weisse Flecken“ in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung, Frankfurt a.M. 1989.
Weber recherchiert erstmals die Opfer deutscher Kommunisten unter Stalin. Das Ergebnis ist erschreckend: Von der Spitze der KPD, dem Politbüro, wurden von Stalin mehr Mitglieder ermordet als von Hitler! Auch die DDR-Geschichtsschreibung nach Stalins Tod versuchte das Ausmaß und den Charakter von Stalins Säuberungen gegen die deutschen Kommunisten zu verharmlosen. Anfangs wurden zwar einige prominentere Personen in Lexika wieder eingefügt, aber ohne Angaben des Todesjahrs oder gar Todesursache zu benennen, so als lebten sie noch. Eine echte Rehabilitierung bei der Sowjetunion, DKP und SED/DDR setzte erst sehr spät ein.
Laut dem Autor Hans Schafranek hat Weber ein paar Fehler in dem Buch gemacht und es ist auch vor der Öffnung der Archive der Sowjetunion erschienen. Nichtsdestotrotz ein sehr gutes und engagiertes Werk!

Hermann Weber: Schauprozeß-Vorbereitungen in der DDR, in: Hermann Weber, Dietrich Staritz: Kommunisten verfolgen Kommunisten, Berlin 1993, Seite 436-449
Ein guter Text über die Vorbereitungen eines Schauprozesses in der frühen DDR nach Art des Rajk-Prozesses in Ungarn, der aus unbekannten Gründen nicht stattfand. Ursprünglich war Kurt Müller (zweiter Vorsitzender der westdeutschen KPD) als Hauptakteur einer fiktiven Verschwörung festgelegt und 1950 deswegen von Erich Mielke verhaftet worden.

Hermann Weber, Ulrich Mählert: Verbrechen im Namen der Idee. Terror im Kommunismus 1936-1938, Berlin 2007.
Im Buch geht es um die Periode des großen Terrors in der Sowjetunion, die sich von 1936 bis 1938 erstreckte. Dabei wurden auch zahlreich stalintreue Funktionäre umgebracht. Daher ist der (autoritäre) Kommunismus die einzige Bewegung in der früheren Zeit, die selbst mehr ihrer Funktionäre umbrachte als ihre Feinde.
Im ersten Kapitel (S.11-41) plädiert der Autor Hermann Weber dafür beim Kommunismus zwischen radikaler sozialer Bewegung und gewaltsamen Herrschaftssystem zu unterscheiden.
Weber verneint auch einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Gleichheits-Ideologie und der Gewalt: „Nicht die Forderung nach sozialer Gleichheit hat den Terror hervorgebracht, sondern die Absicht einer »Avantgarde«, dies mit Gewalt zu erreichen.“ (Seite 40).
Die auf den Kriegskommunismus folgende „Neue Ökonomische Politik“ (NEP) definiert er als Nebeneinander von Staats- und Privatkapitalismus.
Im Buch werden auch die Wechselwirkungen von Gesellschaft und Staat behandelt. Ein Autor beschreibt die Möglichkeit der Beteiligung an Denunziationen als eine Art von Partizipationsangebot. Im Buch wird vom Verhältnis Staat-Bevölkerung als „Kommandostil als Verkehrston in Staat und Gesellschaft“ gesprochen.
Ein anderer Autor bezeichnet die selbstzerstörerischen Säuberungen in Partei- und Staatsapparat als „Kaderrevolution“.
Den zahlenmäßig größten Anteil der Opfer des Terrors 1936-38 stellten aber normale Sowjetbürger. Ein Teil davon waren so genannte Kulaken, ein anderer Teil waren bestimmte ethnische Gruppen. Von den so genannten „Kulaken“ und „Kulakenhandlanger“ wurden 767.000 verhaftet und davon 387.000 hingerichtet. Bei den Operationen bezüglich der zehn „nationalen Linien“ (Polen, Letten, Finnen, Griechen, Rumänen, Litauer, Türken, Karbardiner, Deutsche, Afghanen) wurden 335.000 Personen verhaftet und davon 247.000 erschossen.
Der Autor Nicolas Werth schreibt davon, dass es beim „Großen Terror“ nicht mehr um Bestrafung, sondern um Menschenvernichtung ging. Immerhin endeten 50% der Prozesse mit einem Todesurteil. Er weist auch auf die Massenverfolgung alles „Fremden“, also von bestimmten Ethnien und den in der UdSSR lebenden Ausländern, hin, die aber gewissermaßen funktional gehandhabt wurde. Soll heißen, dass vermeintliche „5. Kolonnen“ beseitigt worden, also Ethnien in Grenzgebieten und Ausländer in militärisch relevanten Bereichen.

Wolfgang Wippermann: Dämonisierung durch Vergleich: DDR und Drittes Reich, Berlin 2. Auflage 2009.
Wippermanns nennt sein Büchlein eine „Streitschrift“ „gegen geschichtspolitischen Revisionismus“. Es geht um die reaktivierte Kalte-Kriegs-Ideologie des Totalitarismus, die in Wahrheit oft eine Form des Antikommunismus ist. Dieser Totalitarismus, der mehr Doktrin als Theorie ist, beruhte früher vor allem auf Makrovergleichen in Form von Diktatur-Vergleichen. Bei dem DDR-Nazideutschland-Vergleich müssen aber Holocaust und Weltkrieg vom Dritten Reich abstrahiert werden, um den Vergleich überhaupt erst möglich zu machen.
Während die einen durch solche Vergleiche das Dritte Reich implizit relativieren, relativieren andere das Dritte Reich durch Betonung von dessen „guten Seiten“ direkt. Dämonisierung einerseits, „vergleichende Verharmlosung“ andererseits.
Wippermann nennt die 14. Enquete-Kommission zur SED-Diktatur eine „Diktatur des Verdachtes“. Auch das Auftauchen von Stasi-Verschwörungsideologien erwähnt er kritisch, Personen wie Hubertus Knabe behaupteten bar jeden Beweises eine SED-/Stasi-Unterwanderung der Bundesrepublik. Die Stasi urde zur allmächtigen und allgegenwärtigen Organisation halluziniert.
Auch den bekannten Gauck und seinen „geschichtspolitischen Feldzug“ kritisiert Wippermann und vergleicht Gauck in seiner Suche nach unentdeckten Stasi-Mitgliedern mit McCarthy. Dieser „Stasi-Exorzismus“ zeigte in Wahrheit nur wenig Erfolg. Auf 100.000 Anzeigen bzw. 30.000 Ermittlungen folgten nur 20 Verurteilungen. Die Hexenjagd fand ohne Hexen statt.